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Maß und Maßlosigkeit im Mittelalter

Bewerbungsschluss: 03. März 2017

Call for Papers zur Interdisziplinäre Autor/innentagung des Mediävistenverbandes. München, 11–12 Jänner 2018


Interdisziplinäre Autor/innentagung des Mediävistenverbandes (insbesondere, aber nicht ausschließlich für Nachwuchswissenschaftler/innen) mit zeitnaher Publikation in der Verbandszeitschrift

Tagungsort: München, Ludwig-Maximilians-Universität, 11.–12. Januar 2018

Bewerbungsfrist: 3. April 2017

Konzipiert von Dr. Kathrin Müller (Kunstgeschichte), Frankfurt am Main, veranstaltet gemeinsam mit Prof. Dr. Isabelle Mandrella (Philosophie), München.

Es gibt Orte, an denen sich die Frage nach dem rechten Maß und der Maßstäblichkeit des Menschen ganz unvermittelt stellt. Der Meeresstrand gehört unzweifelhaft dazu. Diese Erfahrung musste – so will es die berühmte spätmittelalterliche Legende – selbst der Heilige Augustinus machen: Während eines Strandspaziergangs über die Trinität nachdenkend, traf er auf ein Kind, das mit einer Muschel das Meer in eine Sandkuhle umschöpfen wollte. Auf Augustinus’ amüsierten Zweifel an diesem Unterfangen erwiderte der Knabe, dass dies eher realisierbar sei als Augustinus’ Vorhaben, das Geheimnis der Trinität zu ergründen. Die Abhandlung über die Dreifaltigkeit entstand dennoch, nun aber in größerer intellektueller Bescheidenheit.

Die Legende handelt von der Maßlosigkeit als Hybris, der Selbstüberschätzung des Menschen als erkenntnisfähiges Subjekt. Dafür bedient sie sich anschaulicher Vergleiche – zwischen der Größe des Meeres und der Muschel, dem Fassungsvermögen der Erdoberfläche und der von Kinderhand gegrabenen Kuhle, der Praxis des Schaufelns und des Sinnierens über das Göttliche sowie der Weisheit des Kindes und der Gelehrsamkeit des Erwachsenen. Auf diese Weise regt sie dazu an, über das Verhältnis von Maß und Maßlosigkeit in erkenntnistheoretischer wie lebenspraktischer Hinsicht nachzudenken: Wie verortet sich der Mensch innerhalb der Welt? Welches Denken, welches Handeln kann noch als maßvoll gelten? Wann ist Maßlosigkeit ein Spiel, wo setzt die moralische Bewertung ein? Ist die Natur ein Vor- oder ein Gegenbild? Wo kann der Mensch gestaltend eingreifen, wo ordnet er nur um? Bis zu welchem Punkt reflektieren seine Um-/Gestaltungen das rechte Maß, wo verlieren sie es?

Die Autor/innentagung des Mediävistenverbandes stellt mit der Frage nach Maß und Maßlosigkeit ein gleichermaßen aktuelles wie spezifisch mittelalterliches Thema ins Zentrum. Aus einer gegenwartskritischen Perspektive beschäftigt sich die geisteswissenschaftliche Forschung – auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Musik- und Theaterwissenschaft, Geschichte, Theologie und Philosophie – seit einiger Zeit intensiver mit Phänomenen des ‚Exzesses’ oder ‚Exzessiven’. Als Übermaß an Datentransfers, Warenproduktion, Umweltzerstörung oder Kriegsgewalt haben sie ein verunsicherndes bis zerstörerisches Potential, das der Einforderung eines rechten Maßes – nicht selten formuliert als Wunsch nach einer ‚Rückkehr’ zu einem maßvollen Leben – neues Gewicht verleiht. Die Mediävistik kann zu einer Einordnung dieses ‚modernen’ Empfindens Wichtiges beitragen, indem sie nach den Konzepten wie Praktiken von Maß und Maßlosigkeit in einer Zeit fragt, in der das unbestrittene Verständnis der Welt als göttliche Schöpfung eine (vermeintlich) stabile Referenzordnung bot.

Die Tagung ist offen für alle Disziplinen mediävistischer Forschung, für europäische wie außereuropäische Kontexte und verschiedene religiöse Perspektiven. Sie richtet sich insbesondere, aber nicht ausschließlich an Doktorand/innen und Postdoktorand/innen. Sie lädt dazu ein, das Spannungsverhältnis von Maß und Maßlosigkeit an ausgewählten Schriftquellen und Objekten des Mittelalters vertiefend zu diskutieren. Es soll darum gehen, das Begriffspaar des Maßes (Maßvollen, Maßgerechten) und Maßlosen in seinen Bedeutungen und Gebrauchsweisen sowie seinen Implikationen für Denken und Handeln in den Blick zu nehmen. Dabei können die folgenden, sich überlagernden Aspekte richtungsweisend sein:
  • Maßvolle Welt: Wie wurde die göttliche Schöpfung als Ordnungsmodell gedacht? Inwieweit ging sie in der biblisch verbürgten Ordnung „nach Maß, Zahl und Gewicht“ (Weish 11,20) auf? Auf welche Weise wirkte sie normativ? Wo fügte sich der Mensch auf ‚natürliche’ Weise in den Makrokosmos ein, wo stieß er an dessen Grenzen? 
  • Erkenntnis und Erfahrung: Zu welcher Erkenntnis sah sich der Mensch als ‚Maß aller Dinge’ befähigt? Worin bestand die messende Funktion des menschlichen Geistes in seinem Verhältnis zur Wirklichkeit? In welchem Verhältnis standen Maß und Maßlosigkeit in spekulativen Denkprozessen oder mystischen Erfahrungen und Entwürfen? 
  • Maßstäbe: War das Maß immer von der Zahl/dem Quantitativen bestimmt und immer ein mathematisches Prinzip? Welche Maße nutzten und etablierten Arithmetik, Astronomie und Musik? Wann wurde die Frage nach dem rechten Maß zu einer Frage nach der richtigen Verhältnismäßigkeit? Wie stellte der Mensch selbst eine solche Verhältnismäßigkeit her – etwa in der Heilsökonomie oder in der Festlegung von Abgaben und Diensten, Preisen und Löhnen? Wie wurde dort argumentiert, wo mit rechtem Maß bestraft oder geheilt werden sollte, also in der Rechtsprechung oder Medizin? Bedeutete das Maßlose immer ein ‚Zuviel’, oder konnte es auch ein ‚Zuwenig’ sein?
  • Ethik und Moral: Welches Verhalten bestärkte die christliche Kardinaltugend der Mäßigkeit (temperantia) und wie praktikabel war sie? In welchen Kontexten waren das Maßvolle und das Maßlose gleichbedeutend mit Tugend und Sünde, Vernunft und Leidenschaft oder Wille und Willkür? 
  • Herrschaft: Wie wurden geistliche und weltliche Gewalt ins rechte Maß zueinander gebracht? Welche Prinzipien und Vorschriften des Maßvollen galten für die Körperschaften und Repräsentanten weltlicher Gewalt? 
  • Gestalten und Erzählen: Wo grenzten in Musik, Tanz, Kunst und Literatur Maß und Maßlosigkeit aneinander? Welche Funktionen kamen Formen des ‚Zuviel’ (oder ‚Zuwenig’) zu? Wie ist modernen Urteilen über die Maßlosigkeit in ästhetischen und poetologischen Kontexten des Mittelalters zu begegnen? 
  • Verlusterfahrungen und Modernisierungsängste: Wurden das Maßvolle und das Maßlose mit historischen Prozessen in Verbindung gebracht? Sind es Kategorien mit einer eigenen Geschichte und Dynamik?

Die Tagung findet als Autor/innentagung im kleinen Kreis statt. Die Beiträge werden nach positiver Begutachtung und Überarbeitung in Heft 1 (2018) der interdisziplinären Verbandszeitschrift „Das Mittelalter“ zum Thema „Maß und Maßlosigkeit“ veröffentlicht. Die Tagung dient dazu, die zuvor von allen Teilnehmer/innen eingereichten und an alle verschickten, möglichst publikationsfertigen Beiträge unter Berücksichtigung der Gutachten zu diskutieren. Danach besteht die Möglichkeit, die Texte vor ihrer Veröffentlichung noch einmal zu überarbeiten.

Verbindlicher Zeitplan 
3. April 2017: Bewerbungsfrist
4. Oktober 2017: Frist für die Einreichung des Beitrags (30.000 bis 45.000 Zeichen inkl. Leerzeichen), anschließend Begutachtung (peer review)
11./12. Januar 2018: Autor/innentagung in München
18. Februar 2018: Frist für die Einreichung des überarbeiteten Beitrags
Das Zeitschriftenheft erscheint Ende Juni 2018.

Bitte schicken Sie Ihren Vorschlag für einen Beitrag (max. zwei Seiten), ggf. eine Zusammenfassung Ihrer Dissertation, Ihres Habilitations- oder Postdoc-Projektes (max. zwei Seiten) sowie einen tabellarischen Lebenslauf bis zum 3. April 2017 als pdf-Datei an Kathrin Müller: k.mueller@kunst.uni-frankfurt.de.

Die Finanzierung der Reise- und Übernachtungskosten wird beantragt.





Quelle: arthist.net